marie-thérèse wittmann / projekte / fleisch und blut

Radio DRS 30.08.2007 Dagmar Walser -> click
fleisch & blut - Dokumentation Basel -> click
fleisch & blut - Pics Basel -> click
fleisch & blut - Trailer Hamburg -> click
fleisch & blut - Pics Hamburg Haus 73 -> click

fleisch und blut

Slam-Oper in zwei Perspektiven

Die geheimen Opernhäuser unserer Zeit sind die Clubs der Großstädte. Elektronische Musik entfaltet dort ihre Wirkung effizient und unmittelbar. Der Erlösungsgedanke der Oper findet hier seine Entsprechung im Rausch.

fleisch und blut

verknüpft elektronische Musik mit einem mythischen Stoff und lässt einen neuen, überraschenden Dialog zwischen Bühne und Zuschauerraum entstehen – den melodramatischen Dancefloor:
die Slam-Oper.

fleisch und blut

ist eine Verbindung aus Trivialliteratur und elektronischer Musik – eine Verbindung aus Schundromanen, wie wir sie an jedem Kiosk kaufen können und der Tanzmusik der Clubs des 21. Jahrhunderts. Jeder Abend der Slam-Oper widmet sich einem anderen Schundroman Genre, wie z.B. Heimat, Arzt, Erotik, Krimi, Science Fiction, Western oder Grusel.
4-6 Schauspieler, ein Elektroniker, ein Sampler und ein DJ holen das Publikum in die melodramatische Welt von

fleisch und blut

und etablieren Oper als einen neuen Ort. Die Schauspieler sind die Stars des Abends, die Solisten der Slam-Oper. Gemeinsam bilden sie den Opernchor. Zusätzlich ist jeder von ihnen sein eigener Go-Go Tänzer.

fleisch und blut

bietet seinem Publikum zwei Perspektiven auf die Slam-Oper.
1. Perspektive: Die Schauspieler agieren lesend. Ihr Textmaterial ist der Schundroman, dessen Handlung linear erzählt wird. Diese Handlung erfährt eine Performance, in dem sie nicht nur gelesen, sondern auch geschrieen, geflüstert, gejault, gekeucht oder rhythmisch vorgetragen wird.
Dazu erklingt eigens für

fleisch und blut

komponierte Musik, die den gesamten Textvortrag begleitet. Die Schauspieler setzen sich als Solisten und Go-Go Tänzer zum Beat der Musik in Bewegung.
Zum Zusammenspiel von Text, Musik und Tanz werden Samples eingespielt. Diese Samples setzen sich zu einem Teil aus Audiozitaten der Klassiker des Film-Melodrams zusammen, stammen aus Fernsehserien und anderen Quellen. Grundsätzlich können die Samples das Genre des Textes entweder bedienen oder kontrastieren, kommentieren oder karikieren.
Eine Szene entsteht, die sich zwischen konzertanter Aufführung und inszeniertem Konzert bewegt.
Das Publikum bestimmt, wie die erste Perspektive enden soll. Es stehen drei Varianten zur Auswahl:
Der Liebestod, das Happy End oder das Missverständnis.
2. Perspektive: Mit dem Ende des Romans beginnt der zweite Teil des Abends, bei der die Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne aufgehoben wird. Eine andere Musik rückt ins Zentrum. Der Zuschauerraum wird zur Bühne, die Bühne zum Dancefloor.
Der DJ, der während des ersten Teils sprachliche Highlights des Romans mitgeschnitten hat, integriert diese Textfragmente als Sprachsamples in seine Tanzmusik.
Die Geschichte der 1. Perspektive wird dekonstruiert, die vierte Wand nachhaltig aufgehoben und die passive Teilnahme des Publikums durch das Angebot eines dynamischen Prinzips ausgetauscht. Kreiert wird ein offener Theaterraum, der den Theaterbegriff an seine Grenzen treibt.
War der erste Teil die Präsentation der Geschichte, so ist der zweite Teil ein Teilnehmen am Zeichensystem des Romans. Die Perspektiven haben sich gedreht. Über die Textfragmente wird die Tanzfläche inhaltlich aufgeladen, und auf diesem Weg das Publikum mehr und mehr zu einem Teil der Slam-Oper. Jeder Besucher trägt als Tänzer zu diesem Abend bei und wird dadurch zum Protagonisten der Oper seiner Wahl.
Das heutige Musiktheater teilt sich in zwei Extreme: auf der einen Seite die Oper, auf der anderen Seite das Musical und Revuetheater.

fleisch und blut

positioniert sich zwischen diesen beiden Polen der Hoch- bzw. Massenkultur.
Auf der Suche nach anderen, zeitgemäßeren Aufführungspraktiken innerhalb des Theaterraumes bedient sich

fleisch und blut

den Stilmitteln des Poetry-Slam und reflektiert die ästhetischen Parameter der Oper, ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre Rezeption.

fleisch und blut

entwirft eine neue zeitgenössische Operngattung im Spannungsverhältnis zwischen Oper und Popkultur.

fleisch und blut

beruft sich auf die Venezianische Oper, in der Komik, Satire und Absurdität im Mittelpunkt standen, und nutzt das absurde Potential der Oper, statt es zu ignorieren.

fleisch und blut

ist eine mobile Operngattung, die sich an unterschiedlichsten Orten durchführen lässt.

fleisch und blut

eröffnet einen Ort im Opernbetrieb, an dem Menschen kommunizieren und konsumieren, wobei die Bereiche Bühne-Parkett-Rang als Bühne-Dancefloor-Lounge definiert werden.

fleisch und blut

erobert das Melodram für die zeitgenössische Oper zurück.

fleisch und blut

ist zeitgenössische komische Oper.