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fleisch und blut
Slam-Oper in zwei Perspektiven
Die geheimen Opernhäuser unserer Zeit sind die Clubs der Großstädte.
Elektronische Musik entfaltet dort ihre Wirkung effizient und unmittelbar.
Der Erlösungsgedanke der Oper findet hier seine Entsprechung im
Rausch.
fleisch und blut
verknüpft elektronische Musik mit einem mythischen Stoff und lässt einen neuen, überraschenden Dialog zwischen Bühne und Zuschauerraum entstehen – den melodramatischen Dancefloor:
die Slam-Oper.
fleisch und blut
ist eine Verbindung aus Trivialliteratur und elektronischer Musik – eine Verbindung aus Schundromanen, wie wir sie an jedem Kiosk kaufen können und der Tanzmusik der Clubs des 21. Jahrhunderts. Jeder Abend der Slam-Oper widmet sich einem anderen Schundroman Genre, wie z.B. Heimat, Arzt, Erotik, Krimi, Science Fiction, Western oder Grusel.
4-6 Schauspieler, ein Elektroniker, ein Sampler und ein DJ holen das Publikum in die melodramatische Welt von
fleisch und blut
und etablieren Oper als einen neuen Ort. Die Schauspieler sind die Stars des Abends, die Solisten der Slam-Oper. Gemeinsam bilden sie den Opernchor. Zusätzlich ist jeder von ihnen sein eigener Go-Go Tänzer.
fleisch und blut
bietet seinem Publikum zwei Perspektiven auf die Slam-Oper.
1. Perspektive: Die Schauspieler agieren lesend. Ihr Textmaterial ist der Schundroman, dessen Handlung linear erzählt wird. Diese Handlung erfährt eine Performance, in dem sie nicht nur gelesen, sondern auch geschrieen, geflüstert, gejault, gekeucht oder rhythmisch vorgetragen wird.
Dazu erklingt eigens für
fleisch und blut
komponierte Musik, die den gesamten Textvortrag begleitet. Die Schauspieler setzen sich als Solisten und Go-Go Tänzer zum Beat der Musik in Bewegung.
Zum Zusammenspiel von Text, Musik und Tanz werden Samples eingespielt. Diese Samples setzen sich zu einem Teil aus Audiozitaten der Klassiker des Film-Melodrams zusammen, stammen aus Fernsehserien und anderen Quellen. Grundsätzlich können die Samples das Genre des Textes entweder bedienen oder kontrastieren, kommentieren oder karikieren.
Eine Szene entsteht, die sich zwischen konzertanter Aufführung und inszeniertem Konzert bewegt.
Das Publikum bestimmt, wie die erste Perspektive enden soll. Es stehen drei Varianten zur Auswahl:
Der Liebestod, das Happy End oder das Missverständnis.
2. Perspektive: Mit dem Ende des Romans beginnt der zweite Teil des Abends, bei der die Trennung zwischen Zuschauerraum und Bühne aufgehoben wird. Eine andere Musik rückt ins Zentrum. Der Zuschauerraum wird zur Bühne, die Bühne zum Dancefloor.
Der DJ, der während des ersten Teils sprachliche Highlights des Romans mitgeschnitten hat, integriert diese Textfragmente als Sprachsamples in seine Tanzmusik.
Die Geschichte der 1. Perspektive wird dekonstruiert, die vierte Wand nachhaltig aufgehoben und die passive Teilnahme des Publikums durch das Angebot eines dynamischen Prinzips ausgetauscht. Kreiert wird ein offener Theaterraum, der den Theaterbegriff an seine Grenzen treibt.
War der erste Teil die Präsentation der Geschichte, so ist der zweite Teil ein Teilnehmen am Zeichensystem des Romans. Die Perspektiven haben sich gedreht. Über die Textfragmente wird die Tanzfläche inhaltlich aufgeladen, und auf diesem Weg das Publikum mehr und mehr zu einem Teil der Slam-Oper. Jeder Besucher trägt als Tänzer zu diesem Abend bei und wird dadurch zum Protagonisten der Oper seiner Wahl.
Das heutige Musiktheater teilt sich in zwei Extreme: auf der einen Seite die Oper, auf der anderen Seite das Musical und Revuetheater.
fleisch und blut
positioniert sich zwischen diesen beiden Polen der Hoch- bzw. Massenkultur.
Auf der Suche nach anderen, zeitgemäßeren Aufführungspraktiken innerhalb des Theaterraumes bedient sich
fleisch und blut
den Stilmitteln des Poetry-Slam und reflektiert die ästhetischen Parameter der Oper, ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre Rezeption.
fleisch und blut
entwirft eine neue zeitgenössische Operngattung im Spannungsverhältnis zwischen Oper und Popkultur.
fleisch und blut
beruft sich auf die Venezianische Oper, in der Komik, Satire und Absurdität im Mittelpunkt standen, und nutzt das absurde Potential der Oper, statt es zu ignorieren.
fleisch und blut
ist eine mobile Operngattung, die sich an unterschiedlichsten Orten durchführen lässt.
fleisch und blut
eröffnet einen Ort im Opernbetrieb, an dem Menschen kommunizieren und konsumieren, wobei die Bereiche Bühne-Parkett-Rang als Bühne-Dancefloor-Lounge definiert werden.
fleisch und blut
erobert das Melodram für die zeitgenössische Oper zurück.
fleisch und blut
ist zeitgenössische komische Oper. |